Wachstum - Das goldene Kalb

Der Glaube an grenzenloses Wachstum ist trotz der Finanzkrise kaum erschüttert. Zweifel am Sinn ewig steigender ökonomischer Leistung gibt es nicht - scheinbar.

Nicolas Sarkozy bei einem Vortrag an der Sorbonne: "Weltweit glauben die Bürger, wir lügen sie an - und sie haben Gründe so zu denken."

Er bezieht sich auf die Art wie die Statistikbehörden das Wachstum einer Volkswirtschaft messen, dem BIP (Bruttoinlandsprodukt). Eine fragwürdige und manipulative Rechnung wie er findet.

Das die Berechnung des Inlandsproduktes Schwächen aufweist, ist lange bekannt. Selbst der Ökonom Simon Kuznets, der Erfinder des Rechenmodells, hat darauf hingewiesen: "Der Wohlstand einer Nation kann nur schwerlich von der Höhe des Volkseinkommens abgeleitet werden." Wir tun es aber trotzdem.

So sagt die Zahl nichts über die Verteilung der Vermögen aus, nichts über den Gesundheitszustand der Bevölkerung. Nichts über die Sauberkeit oder die Umweltbelastungen in einem Land. Auch ehrenamtliches Engagement bleibt unbeachtet, ebenso wie Hausarbeit. Dabei wird nur etwa ein Drittel der gesamten Arbeitsleistung einer Volkswirtschaft in der Erwerbsarbeit erbracht. Zweidrittel hingegen etwa im Ehrenamt oder zu Hause.

Versorgt ein Pflegedienst den kranken Angehörigen, fließt es in die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung ein. Nicht aber wenn ein Angehöriger pflegt. Stillt eine Mutter ihr Kind, vermindert sie damit das Volkseinkommen. Sie könnte die Milch und die Flaschen auch kaufen. Die stillende Mutter ist eine Wachstumsbremse. Wer seine Putzfrau heiratet vernichtet gar Volkseinkommen. Was vorher eine bezahlte berufliche Tätigkeit war, ist es nach der Hochzeit nicht mehr. 

Das Bruttoinlandsprodukt

Das Schicksal des Landes hängt an dieser Ziffer. Alle, die Parteien sowieso aber auch der Wähler, sind fixiert auf diese Zahl. Wachstum schafft Arbeitsplätze. Arbeitspläzte sind Wohlstand. So das einfache Credo der Wirtschaftspolitik.

Aber stimmt die Botschaft? Immer mehr zweifeln daran. Die Zweifler sind hochangesehene Persönlichkeiten: Neben dem französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy, Sachsens-Ex-Ministerpräsident Kurt Biedenkopf oder Bundespräsident Horst Köhler. Sie alle Fragen: Ist ein permanentes Wirtschaftswachstum ein alleiniger Indikator für Wohlstand? Ist Wachstum die Antwort auf alles? Warum müssen Verbraucher, die schon alles haben, jedes Jahr mehr konsumieren?

Wir sollen für das Alter sparen und gleichzeitig ohne Unterlass konsumieren; für mehr Wachstum. Obwohl wir heute mehr von allem haben: Mehr Kleider, mehr Autos, mehr Urlaubsreisen sind wir nicht glücklicher, haben Studien festgestellt. Wozu also immer mehr Wachstum?

Immer produktivere Maschinen, produzieren immer mehr Produkte, die abgesetzt werden müssen zum Erhalt der Arbeitsplätze, zur Schaffung neuer Arbeitsplätze. Zur Sicherung und Steigerung der Einkommen. Es ist in diesem System beinahe unerheblich was produziert wird. Wichtig ist das produziert wird und je mehr Arbeitsplätze mit der Produktion verbunden sind desto unerheblicher das Produkt. Je mehr Arbeitsplätze desto größer das Unternehmen. Je größer das Unternehmen desto mehr Kapitalbedarf. Fremdkapital, verzinst rückzahlbar. Der Schuldendienst verlangt neues Wachstum durch Ausweitung der Produktion oder den Zukauf von Unternehmen. Auch die Banken selbst brauchen permanet frisches Geld für neue Kredite zur Finanzierung neuen Wachstums. Wir sind verdammt zum Wachstum. Das System ist nicht mehr dazu da, den Menschen zu dienen. Die Menschen sind da, um das System zu erhalten. Wachstum verschlingt immer mehr Ressourcen und stiftet immer weniger Nutzen. Die Konsequenzen sind fatal, wenn sich Gier und Größenwahn dazu gesellen.

Dabei hat Wachstum nicht zwangsläufig diese fatalen Effekte. Organisches, qualitatives Wachstum nützt der Gesellschaft. Wirtschaftswachstum wird es solange geben wie es Fortschritt gibt. Fortschritt solange es Bedürfnisse gibt. Und Bedürfnisse sind schier unendlich. Waren und Dienstleistungen wecken neue Begehrlichkeiten genauso Computer und Internet. Immer wieder entsteht bahnbrechend Neues. Kreativität und Ideen sind grenzenlos. So lange die Welt in Bewegung ist, sich wandelt und entwickelt, gibt es Wachstum und Beschäftigung für die Menschen. 

Leider hat sich unser Gesellschaft entschlossen Wandel und Entwicklung auszuschließen. Oder allenfalls Variationen des bekannten zu genehmigen. In Wachstum und Arbeit zu investieren statt in Ideen und Kreativität. So werden die Menschen weiterhin gebannt das Wirtschaftswachtum beobachten. Jedes Plus der Schicksalsziffer als freudige Botschaft feiern. Das BIP-Wachstum als Beweis gesehen, das Richtige auf dem richtigen Weg zu tun. 

 

Siehe auch "Der Kult ums BIP", Der Spiegel, 39 / 2009, S. 78 ff.

ebenso: Brust oder Flasche?, Der SPIEGEL, 39 / 2009, S. 80